25.08.2021

Konflikte in der Ausbildung

Mit dem Abschluss des Ausbildungsvertrages gehen Betrieb und Azubi eine enge Partnerschaft ein. Während dieser Zeit gibt es viel zu lernen, nicht nur auf fachlicher Seite, sondern auch auf der persönlichen und sozialen Ebene.
Etliche Stolpersteine lauern auf dem Weg bis zur bestandenen Abschlussprüfung. Das menschliche Miteinander im betrieblichen Alltag bringt Konflikte mit sich und manchmal auch der Besuch der Berufsschule. Oft beruhen Konflikte auf Missverständnissen oder Unverständnis dem Anderen gegenüber.
Dadurch entstehen Probleme, die, wenn sie nicht erkannt und angesprochen werden, zu Demotivation bis hin zum Ausbildungsabbruch führen können. Ernsthafte Konflikte kündigen sich oft über längere Zeit an. Wenn der Auszubildende z. B. häufig erkrankt oder unentschuldigt in der Berufsschule fehlt, sollte umgehend durch den Ausbilder reagiert werden. Ebenso sollte der Auszubildende etwas sagen, wenn er öfter Überstunden machen muss oder Kollegen nicht in angemessenem Ton mit ihm sprechen.
Wenn eine direkte Konfliktlösung zwischen Betrieb/Ausbilder und Auszubildenden nur noch schwierig möglich ist, kann die IHK-Ausbildungsberatung helfen. Dazu erfahren Sie näheres in den folgenden Abschnitten.

1. Die häufigsten Gründe für Konflikte/Probleme in der Ausbildung

Ausbilder und Betriebe nennen Unpünktlichkeit oder unentschuldigte Fehltage, Unzuverlässigkeit (z. B. nicht rechtzeitiges krankmelden), schlechte Leistungen in der Berufsschule oder mangelhaftes Führen der Berichtshefte seitens der Auszubildenden als häufigste Gründe für Konflikte in der Ausbildung und reagieren darauf mit mündlichen Ermahnungen, schriftlichen Abmahnungen und im schlimmsten Falle mit einem Angebot zur Aufhebung oder begründeter fristlosen Kündigung des Ausbildungsvertrages, meist nach vorherigem mehrfachen Abmahnen.
Aus Sicht der Auszubildenden werden mangelnde Ausbildung, ausbildungsfremde Tätigkeiten, Überstunden, unangemessener Umgangston und Verhalten von Mitarbeitern und Vorgesetzten genannt. Manche Auszubildende fühlen sich in der Ausbildung sich selbst überlassen oder nicht respektiert, was zu Demotivation, Leistungsproblemen und Fehlzeiten führen kann.
Zur Entstehung von Problemen trägt auch eine mangelnde Kommunikation auf beiden Seiten bei. Sowohl Ausbilder als auch Auszubildende können sich dadurch nicht ernst genommen fühlen. Der ausbildende Betrieb und Auszubildende sind enttäuscht voneinander, weil sie ihre jeweiligen Erwartungen an den Anderen nicht erfüllt sehen. Hier besteht die Chance zur Annäherung beider Seiten durch offenen Gespräche.
Tipp der IHK-Ausbildungsberatung: Meist lassen sich Konflikte im direkten Gespräch mit Kollegen, Ausbildern oder Vorgesetzten lösen. Wir raten Ihnen zunächst auf direkter Ebene mit Ihrem Ausbilder oder Auszubildenden zu sprechen. Grundsätzlich gilt - treten Konflikte und Probleme in der Ausbildung auf, handeln Sie frühzeitig! Sprechen Sie es an. Suchen und vereinbaren Sie miteinander eine gemeinsame Lösung, die beide Seiten mittragen können. Nur dann werden Sie sich annähern und etwas an der Situation ändern.

2. Regelmäßige Ausbildungsgespräche

Regelmäßige Ausbildungsgespräche sind eine wichtige Maßnahme, um Ausbildungsproblemen vorzubeugen und eine systematische und für den Auszubildenden lebendige Ausbildung zu gewährleisten in die er sich einbringen kann. Der enge Kontakt ist der Schlüssel im Verhältnis zwischen Ausbilder und Auszubildenden und eine entscheidende Bedingung für deren Motivation. Dadurch fühlt sich der Azubi gehört und in seinem Befinden und seinen Belangen ernst genommen. Entscheidend ist, dass alle Ausbildungsbeauftragte einheitlich handeln und ihre Erwartungen an den Auszubildenden transparent formulieren.
Tipp der IHK-Ausbildungsberatung: Binden Sie die Auszubildenden durch die gemeinsame Erarbeitung von Ausbildungszielen, in die auch Unternehmensziele einfließen, ein. So fühlen sich die Auszubildenden in den Unternehmensprozess integriert, was zu einem gesteigerten Verantwortungsgefühl und zu einer höheren Identifikation mit dem Betrieb führt.
Verwenden Sie einen „Förderbogen“ zum gegenseitigen Feedback, wie es in der Ausbildung läuft. Hier können beiden Seiten die Leistungen und das Verhalten des Auszubildenden bewerten und miteinander vereinbaren, was verbessert werden kann. Auch kann der Azubi wiedergeben, wie er in den einzelnen Abteilungen/ Bereichen geführt und angeleitet wurde und Verbesserungsvorschläge machen. Auch in kleinen Betrieben in denen die Geschäftsführung gleichzeitig der Ausbilder oder die Ausbilderin ist, sind regelmäßige Ausbildungsgespräche empfehlenswert, um eine Basis für eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten.

3. Probezeit sinnvoll nutzen

In der Probezeit sollten beide Seiten die Gelegenheit ausgiebig nutzen, sich kennen zu lernen und in Ruhe zu prüfen, ob die gegenseitigen Erwartungen erfüllt werden können. Meist hilft es auch auf sein „Bauchgefühl“ zu hören. Fühle ich mich wohl? Passt der Beruf zu mir? Ist das Ausbildungsziel erreichbar?
Tipp der IHK-Ausbildungsberatung: Sprechen Sie etwa in der Mitte der Probezeit Ihre Eindrücke und Erwartungen beim Ausbilder an. Sprechen Sie auch mit Ihren Eltern über Ihre Erfahrungen. Ausbildern empfehlen wir nicht nur bei Schwierigkeiten des Auszubildenden ein Probezeitgespräch zu führen. Formulieren Sie gleich zu Beginn der Ausbildung Ihre Erwartungen an den Auszubildenden.

4. Bildungsmaßnahmen

Ein Persönlichkeitstraining stärkt Auszubildende und verbessert die Zusammenarbeit und die Kompetenz zur Konfliktbewältigung, indem sie den richtigen Umgang mit schwierigen Situationen üben. Bei Bildungsanbietern gibt es weitere vielfältige und interessante Seminare für Auszubildende, die die Ausbildung in Betrieb und Berufsschule ergänzen können und den Ausbildungserfolg unterstützen.

5. Hilfen für Ausbilder und weitere Hilfsangebote für Auszubildende

Das Ausbilderhandbuch - Praxistipps für Ausbilder
Manche Probleme entstehen nicht nur im direkten Zusammenhang mit der Ausbildung und manches lässt sich nicht durch Gespräche oder weiterführende Sanktionen lösen. Was tun, wenn beispielsweise der Verdacht besteht, dass der Azubi Drogen nimmt oder unter Essstörungen oder Depressionen leidet?
Das Projekt „Stark für Ausbildung“ hat auf seiner Internetseite ein Ausbilderhandbuch mit konkreten Handlungstipps und weiterführenden Adressen zu diesen und anderen Fragestellungen zusammengestellt. Der Download lohnt sich, sowie der Austausch mit anderen Ausbildern über die Plattform.
Assistierte Ausbildung flexibel „AsA flex“ (früher abH und AsA)
In Asa flex sind verschiedene Förderinstrumente enthalten. AsA flex gliedert sich, wie zuvor AsA in zwei Phasen: eine optionale Vorphase und eine begleitende Phase, die den Kern der Assistierten Ausbildung darstellt. Mit AsA flex wird ein Auszubildender schon vor oder erst während der Ausbildung intensiv begleitet. Sowohl das Unternehmen als auch der Azubi erhalten Unterstützung, individuell an die jeweiligen Bedürfnisse des Auszubildenden angepasst.
Auch nach Abschluss einer mit AsA flex unterstützten Berufsausbildung können junge Menschen bei Bedarf weiter Hilfe erhalten, um in ein Arbeitsverhältnis zu kommen oder es zu festigen.
AsA flex bietet Hilfen zum Abbau von Sprach- und Bildungsdefiziten, zur Förderung fachtheoretischer Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten und zur Stabilisierung des Ausbildungsverhältnisses. Der Ausbildungsbegleiter beim Bildungsträger legt gemeinsam mit dem Auszubildenden fest, wie die Unterstützung aussieht.
AsA flex beantragen kann: der Ausbildungsplatzsuchende, der Auszubildende und der Ausbildungsbetrieb. Weitere Informationen finden Sie unter AsA flex.
Voraussetzung für die Teilnahme an AsA flex in der begleitenden Phase (früher abH) ist ein betrieblicher Ausbildungsvertrag. Die Auszubildenden wenden sich an die Agentur für Arbeit (Berufsberatung oder Jobcenter) um AsA flex zu beantragen. Über die Teilnahme entscheidet die Agentur für Arbeit vor Ort. Hat die Agentur für Arbeit der Teilnahme zugestimmt, entstehen für Auszubildende und Ausbildungsbetrieb keine Kosten. AsA flex wird bei verschiedenen Bildungseinrichtungen durchgeführt. Die Berufsberatung leitet den Auszubildenden an den Weiterbildungsträger vor Ort weiter. Nähere Informationen gibt es bei der Berufsberatung der zuständigen Agentur für Arbeit oder dem Arbeitgeberservice vor Ort.
Initiative VerA  
VerA ist eine Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, mit Unterstützung der Senior Experten Service (SES). Ziel von VerA ist es, einem drohenden Ausbildungsabbruch frühzeitig entgegenzuwirken. Dafür stellt die Initiative den Jugendlichen berufs- und lebenserfahrene Ausbildungsbegleiter zur Seite. Sie sind Vertrauenspersonen, die ihnen Stärke und Orientierung in der Ausbildung vermitteln.
Eine Anfrage nach einem Ausbildungsbegleiter kann der Auszubildende selbst stellen. Sie kann aber auch vom Ausbildungsbetrieb, der Berufsschule oder über die Ausbildungsberater der IHK oder der Handwerkskammer kommen.
Die ehrenamtlich tätigen Senior Experten werden für ihre Aufgabe intensiv vorbereitet. Sie kennen die Sorgen junger Menschen und unterstützen sie individuell: Sie beantworten fachliche Fragen, helfen bei der Prüfungsvorbereitung, kümmern sich um den Ausgleich sprachlicher Defizite und fördern soziale Kompetenz sowie die Lernmotivation.
Eine Begleitung durch SES-Experten ist für die Auszubildenden und die Ausbildungsbetriebe kostenlos. Sie läuft zunächst über zwölf Monate, kann aber bis zum Abschluss der Ausbildung verlängert werden. Die Ziele der Ausbildungsbegleitung vereinbaren die Senior Experten und die Auszubildenden gemeinsam.
Siehe weiterführende Informationen.

6. Tipps für schwierige Gespräche

Tipps der IHK-Ausbildungsberatung:
  1. Suchen Sie frühzeitig das Gespräch. Wenn sich Ärger und Unmut aufstauen, können Probleme eskalieren. Bitten Sie die betroffene Person um ein klärendes Gespräch.
  2. Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt. Gehen Sie nicht mit „Wut im Bauch“ in ein Gespräch, bleiben Sie sachlich. Ungeeignet ist ein Gespräch in stressigen Arbeitsphasen, kurz vor Feierabend oder in der Kantine. Vereinbaren Sie einen Termin, um genügend Zeit und Ruhe für das Gespräch zu haben. Machen Sie deutlich, dass das Gespräch für Sie sehr wichtig ist. Seien Sie offen und ehrlich, bleiben Sie höflich und respektvoll, auch wenn das Gespräch nicht nach Ihren Vorstellungen verläuft.
  3. Führen Sie Konfliktgespräche unter vier Augen. Führen Sie das Gespräch nicht im Beisein anderer Personen, sonst fühlt sich Ihr Gesprächspartner bloßgestellt.
  4. Bereiten Sie sich gut vor. Schreiben Sie die Probleme die Sie sehen auf. Machen Sie sich klar, was Sie stört und welche Änderungen Sie erreichen wollen. Überdenken Sie aber auch Ihr eigenes Verhalten und seien Sie selbstkritisch.
  5. Seien Sie offen für Lösungen. Wenn Sie es schaffen, nicht nur auf die Ihre eigenen Ansichten und Standpunkte zu beharren, steigern Sie die Chancen zur Konfliktlösung. Versuchen Sie auch die Perspektive Ihres Gesprächspartners zu verstehen. Gemeinsame Lösungen klappen nur, wenn sie von allen Beteiligten akzeptiert werden.
  6. Holen Sie sich Unterstützung im Betrieb. Hat das direkte Gespräch mit der betroffenen Person keinen Fortschritt gezeigt, ist meist noch ein zweites Gespräch ratsam bevor Sie Ihren Ausbilder, den nächsten Vorgesetzten oder auch den Betriebsrat um Hilfe bitten. Bleiben Sie sachlich, es geht nicht darum, jemanden anzuschwärzen, sondern eine für Sie belastende Situation zu lösen.
  7. Beziehen Sie Ihre Eltern mit ein. Häufig sind die Eltern als Ratgeber und als Unterstützer für schwierige Gespräche die erste Anlaufstelle. Auch für Sie ist wichtig diese Gespräche so sachlich wie möglich zuführen, da oft Emotionen im Spiel sind. Stimmen Sie sich mit Ihren Eltern ab, damit Sie bei weiterführenden Gesprächen mit dem Betrieb am gleichen Strang ziehen.
  8. Sprechen Sie mit der IHK. Auf unserer Internetseite haben wir weitere Tipps und Hinweise für Sie zur Verfügung gestellt. Kann der Konflikt nicht gelöst werden, wenden Sie sich vertrauensvoll an die IHK-Ausbildungsberatung.

7. Scheinbar unlösbare Konflikte

Neutrale bzw. vertraute Personen einbeziehen
Manchmal kann es trotz gemeinsamer Bemühungen und Gesprächen (siehe Tipps für schwierige Gespräche) dazu kommen, dass der Ausbildungsbetrieb und der Auszubildende keinen Konsens finden. Manchmal lassen sich Konflikte einfacher lösen, wenn eine (neutrale) dritte Person sich die Situation „von außen“ anschaut, wie z. B. eine Vertrauensperson im Betrieb, die Eltern des Azubis oder falls vorhanden die Jugendvertretung oder der Betriebsrat. Auch die Ausbildungsberater der IHK stehen beiden Vertragspartnern beratend zur Seite.
Der Schlichtungsausschuss
Wenn Betrieb und Azubi keine gemeinsame Basis mehr finden oder eine Kündigung ausgesprochen wurde kann der Schlichtungsausschuss schriftlich beauftragt werden, um zwischen den Parteien zu vermitteln. Dazu ist bei der IHK Heilbronn-Franken ein Schlichtungsausschuss eingerichtet. Nur wenn es dort zu keiner Einigung kommt, ist gemäß § 111 (2) Arbeitsgerichtsgesetz (ArbGG) der Gang vor das Arbeitsgericht möglich. Näheres finden Sie über die Suchfunktion unserer Internetseite Stichwort „Schlichtungsverhandlung“.