01.09.2020

Gründung im Nebenerwerb

Eine besondere Form der Gründung ist die Selbständigkeit im Nebenerwerb. Eine Nebenerwerbsselbständigkeit ist in der Regel eine selbständige Tätigkeit, die neben einer weiteren Erwerbstätigkeit ausgeübt wird. Sie bietet die Möglichkeit, einen ersten Schritt in die Selbständigkeit zu testen und das Einkommen aufzustocken. Die nachfolgenden Informationen zu den Voraussetzungen für die Gründung im  Nebenerwerb wurden mit der gebotenen Sorgfalt erarbeitet, für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Inhalte kann jedoch keine Gewähr übernommen werden.

1. Anmeldung

Bitte beachten Sie, dass auch eine Existenzgründung im Nebenerwerb angemeldet werden muss.
Die Anmeldung erfolgt beim Gewerbeamt, dort wo sich später Ihr Betriebssitz befindet.

2. Rechtliche Voraussetzungen

Es gibt keine gesetzliche Definition.
Die Arbeitszeit darf eine Arbeitszeit von 20 Stunden pro Woche nicht überschreiten.
Die Nebentätigkeit tritt neben eine hauptberufliche Tätigkeit und dient finanziell als Ergänzung Ihrer sonstigen Haupteinnahmequelle.
2.1 Wo darf gegründet werden?
  • Bei der Standortwahl sind gesetzliche Vorschriften und Auflagen zu beachten
  • In allgemeinen Wohngebieten sind nur „nicht störende und der Versorgung des Gebietes dienende Betriebe“ zulässig
  • In reinen Wohngebieten ist i. d. R. keine gewerbliche Nutzung möglich
  • In Misch- und Kerngebieten dürfen Geschäfts- und Bürobetriebe angesiedelt werden
  • Umnutzung bisheriger Wohnräume in betrieblich genutzte Räume erfordert Baugenehmigung
  • Ggf. Nachweis von Stellplätzen für Kunden/Kundentoiletten erforderlich
  • Zustimmung des Vermieters unbedingt vorher einholen
2.2 Bezeichnung des Unternehmens bei Kleingründungen
Kleingewerbetreibende – das sind nicht ins Handelsregister eingetragene Gewerbetreibende – müssen auf allen Geschäftsbriefen, die an einen bestimmten Empfänger gerichtet werden, ihren Familiennamen mit mindestens einem ausgeschriebenen Vornamen angeben. Dies gilt auch für Rechnungen und Quittungen sowie alle weiteren Geschäftspapiere mit Ausnahme von Werbeschriften. Familienname und Vorname sind in der gleichen Schreibweise wie im Personalausweis anzugeben. Eine Geschäftsbezeichnung darf als sog. „Etablissementbezeichnung“ ergänzt werden, aber nicht den Eindruck einer Firma erwecken und keine fremden Marken- oder Firmenrechte verletzen.
Das gleiche gilt für Gesellschaften des bürgerlichen Rechts.
2.3 Wettbewerbsverbot
2.3.1 Während des bestehenden Arbeitsverhältnisses
  • Auch ohne besondere Vereinbarung durch arbeitsvertragliche Treuepflicht
  • Aber: gilt nur für Aktivitäten, die im Geschäftsbereich des Arbeitgebers liegen
  • Grundsätzlich kein Wettbewerb zum eigenen Arbeitgeber zulässig
  • Arbeitgeber gegebenenfalls vor Aufnahme der selbständigen Nebentätigkeit informieren. Treffen Sie hierzu am besten eine schriftliche Vereinbarung, durch die Ihre Nebentätigkeit auch offiziell freigegeben ist
2.3.2 Nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses
  • Minderjährige: Genehmigung des Familiengerichts erforderlich, auch wenn die Eltern einverstanden sind
  • Auszubildende: kein Nebentätigkeitsverbot, aber Lernpflicht darf durch die Nebentätigkeit nicht beeinträchtigt werden
  • Studenten: Die maximale Arbeitszeit während des Semesters darf 20 Stunden pro Woche nicht überschreiten
  • Rentner: Grundsätzlich bestehen keine Einschränkungen außer bei Altersteilzeit
  • Beamte und Arbeitnehmer des öffentlichen Dienstes: Unterliegen einem Nebentätigkeitsverbot, außer der Dienstherr stimmt ausdrücklich zu
  • Arbeitslose: Beim ALG I darf der Umfang der Nebentätigkeit nicht über 15 Stunden pro Woche liegen. Beim ALG II muss Nebentätigkeit mit dem zuständigen Fallmanager des Jobcenters abgeklärt werden.
  • Elternzeit: Grundsätzlich ist während der Elternzeit eine selbständige Tätigkeit von maximal 30 Stunden pro Woche möglich

3. Buchführung und Aufzeichnungspflichten

3.1 Buchführung
  • Geschäftsvorfälle sind mit Hilfe einer Buchführung schriftlich in chronologischer Reihenfolge – zweckmäßigerweise nach Kostenarten – festzuhalten.
  • Belege sind von allen Ausgaben zu sammeln.
  • Die Gewinnermittlung erfolgt i. d. R. über die Einnahmen-Überschussrechnung (EÜR): Betriebseinnahmen ./. Betriebsausgaben = Gewinn/Verlust
  • Anfallende Kosten in der Frühphase der nebenberuflichen Selbständigkeit können als vorweggenommene betriebliche Ausgaben geltend gemacht werden (z. B. für Geschäftsausstattungen).
3.2 Aufzeichnungspflichten
  • Bare Geschäftsvorfälle sollten täglich vollständig in ein Kassenbuch eingetragen werden
  • Der tatsächliche Barbestand muss mit dem Kassenbuch übereinstimmen.
  • Alle eingekauften Waren sind in einem Wareneingangsbuch aufzuzeichnen.
  • Ein Warenausgangsbuch muss nur bei Lieferung an andere gewerbliche Unternehmen (z. B. Großhändler) geführt werden.
  • Zur Feststellung der Umsatzsteuer und der Grundlagen ihrer Berechnung bestehen entsprechende Aufzeichnungspflichten.

4. Steuern

4.1 Einkommensteuer
  • Eine Steuererklärung für die Veranlagung ist jährlich bis 31. Juli für das Vorjahr abzugeben; eventuell werden Vorauszahlungen festgesetzt.
  • Ab einem Gesamteinkommen von 9.168 € (Ledige) oder 18.336 € (Verheiratete) ist man einkommensteuerpflichtig.
  • Zum Gesamteinkommen zählen alle sieben Einkunftsarten. Zum Gewinn aus dem Nebenerwerb muss bspw. noch das Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit addiert werden.
  • Bisher galt bei Betriebseinnahmen unter 17.500 € (ab 1.1.2020: 22.000 €) jährlich, dass anstelle des amtlichen Vordrucks („Anlage EUR“) eine formlose Gewinnermittlung beim Finanzamt eingereicht werden konnte. Ab dem Veranlagungszeitraum 2018 sind alle Unternehmen verpflichtet das Steuerformular (Anlage EUR) elektronisch zu übermitteln.
  • Das Finanzamt akzeptiert nicht, wenn eine selbständige Nebentätigkeit auf Dauer nur Verluste „einfährt“ (Liebhaberei).
4.2 Gewerbesteuer
  • Wird von der Gemeinde erhoben
  • Grundlage ist der ermittelte Gewinn des Unternehmens, modifiziert durch verschiedene Hinzurechnungen und Kürzungen
  • Personengesellschaften haben einen Freibetrag von 24.500 €; demzufolge hat die Gewerbesteuer für Existenzgründer im Nebenerwerb i. d. R. keine Relevanz  
4.3 Umsatzsteuer
  • Wird auf Umsätze erhoben, die ein Unternehmen im Rahmen seines Betriebes erzielt
  • Der Regelsteuersatz beträgt zurzeit 19 %, für bestimmte Umsätze (Bücher und Zeitungen sowie Lebensmittel) auch nur sieben Prozent
Kleinunternehmer-Regelung (Befreiung von der Umsatzsteuer):
Die Kleinunternehmer-Regelung ist ein besonderes Wahlrecht für Kleinunternehmer, die ein Geschäft eröffnen. Voraussetzung hierfür ist, dass der Umsatz im Gründungsjahr voraussichtlich nicht über 17.500 € (ab 1.1.2020: 22.000 €) liegt. Bei Inanspruchnahme wird auf Umsätze keine Umsatzsteuer erhoben. Folglich darf auf Rechnungen keine Umsatzsteuer ausgewiesen werden. Ferner ist zu beachten, dass keine Vorsteuer geltend gemacht werden kann, die somit in die betrieblichen Kosten eingeht. Beachten Sie, dass die Steuerbefreiung für fünf Jahre bindend ist!

5. Versicherungen

5.1 Gesetzliche Krankenversicherung
5.1.1 Arbeitnehmer
  • Eine nebenberufliche Selbständigkeit hat i. d. R. keinen Einfluss auf den Krankenkassenbeitrag
  • Eine selbständige Nebentätigkeit liegt dann vor, wenn
  1. die Beschäftigung als Arbeitnehmer mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von mindestens 20 Stunden und
  2. das Einkommen aus der Beschäftigung mindestens 1.557,50 € pro Monat und höher als aus selbständiger Tätigkeit und
  3. kein Arbeitnehmer mehr als geringfügig beschäftigt wird und
  4. bei mehreren geringfügig Beschäftigten, deren Arbeitsentgelte zusammen nicht 450 € im Monat überschreiten
Grundsätzlich müssen alle Fälle als Einzelfallentscheidung der Krankenkasse gesehen werden. Daher melden Sie bitte die Aufnahme der nebenberuflichen Selbständigkeit immer Ihrer eigenen Krankenkasse!
5.1.2 Familienversicherung
Soweit der nebenberuflich Selbständige bisher in der gesetzlichen Krankenversicherung familienversichert ist (z. B. Hausfrau/-mann, Schüler) kann er unter folgenden Voraussetzungen weiterhin ohne zusätzlichen Beitrag mitversichert bleiben:
  • Gesamteinkommen aller Einkunftsarten nicht höher als 445 € pro Monat (Ausnahme: Minijob bis 450 € pro Monat)
  • Keine Ausübung einer hauptberuflichen selbständigen Tätigkeit
5.1.3 Student/in
Die meisten Studenten sind über ihre Eltern familienversichert und zahlen daher keine eigenen Beiträge. Dies gilt aber nur bis zum 25. Lebensjahr und wenn keine eigenen monatlichen Einkünfte von mehr als 445 € erzielt werden (Ausnahme: Minijob bis 450 €) sowie die selbständige Tätigkeit nicht hauptberuflich ausgeübt wird.
Studenten mit einem Einkommen über 445 € werden als Student krankenversicherungspflichtig. Studenten, die BAföG beziehen, können bis zu 450 € monatlich dazu verdienen, wenn mindestens 40 Stunden pro Woche für das Studium aufgewendet werden.
5.1.4 Rentner
Bestand bei Eintritt in das Rentenalter über einen längeren Zeitraum eine gesetzliche Pflichtversicherung oder war man freiwillig bei der gesetzlichen Krankenversicherung, so erfolgt mit Renteneintritt die Aufnahme in die Krankenversicherung der Rentner (KVdR). Die Voraussetzungen hierfür sind erfüllt, wenn in der zweiten Hälfte des gesamten Erwerbszeitraums zu neun Zehnteln eine Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Krankenversicherung bestand.
Durch den Eintritt in die KVdR wird die Mitgliedschaft in der jeweiligen Krankenkasse nicht aufgelöst. Die KVdR ist vielmehr der Deutschen Rentenversicherung angegliedert und fungiert sozusagen als fiktiver „Arbeitgeber“ der Rentner. Dementsprechend werden die Hälfte der Krankenkassenbeiträge durch den Rentner selbst und die andere Hälfte durch die KVdR getragen.
Zahlenbeispiel:
1) Rente: 1.300 €; davon 14,6 % abgezogen: 189,80 € (Rentner: 94,90 €/KVdR: 94,90 €)
2) Nebentätigkeit: 400 €; davon 15,5 % abgezogen: 62,00 €
=> Gesamteinkünfte: 1.700 €
=> Anteil Rentner: 94,90 € + 62,00 € = 156,90 €
5.2 Gesetzliche Pflegeversicherung
Für die Pflegeversicherung gilt, dass diese der Krankenversicherung folgt. Als gesetzlich Krankenversicherter ist man damit auch der der gesetzlichen Pflegeversicherung zugeordnet. Damit gelten die gleichen Kriterien bei der Einstufung des Versicherten hinsichtlich haupt- oder nebenberuflicher Selbständigkeit.
5.3 Gesetzliche Rentenversicherung
Nur ganz wenige Personenkreise sind rentenversicherungspflichtig, z. B. Handwerker (bei zulassungspflichtigem Handwerk), Künstler, Dozenten, Trainer, Tagesmütter, Lehrer, „arbeitnehmerähnliche Selbständige“. Eine selbständige Tätigkeit – die eine Versicherungspflicht auslöst – bleibt versicherungsfrei, sofern das Einkommen monatlich 450 € nicht übersteigt (mehrere geringfügige selbständige Tätigkeiten werden zusammengerechnet).
Fazit: Die große Mehrzahl der Gründer im Nebenerwerb (und im Haupterwerb) muss keine Zahlungen an die gesetzliche Rentenversicherung leisten.
5.4 Gesetzliche Unfallversicherung
Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung sind die Berufsgenossenschaften. Versichert sind alle beschäftigten Arbeitnehmer (das Einkommen ist nicht entscheidend). Ob der Unternehmer pflichtversichert ist, regelt die Satzung der jeweils zuständigen Berufsgenossenschaft. Die zuständige Berufsgenossenschaft (www.dguv.de) sollte innerhalb einer Woche nach der Gewerbeanmeldung informiert werden. In der Regel informiert das Gewerbeamt die Berufsgenossenschaft über die Gewerbeanmeldung.
5.5 Betriebliche Versicherungen
Welche Versicherungen abgeschlossen werden sollten, hängt von den individuellen Risiken ab.
Die wichtigsten betrieblichen Versicherungen sind:
  • Betriebshaftpflichtversicherung
  • Einbruchdiebstahlversicherung
  • Weitere: Feuer-, Betriebsunterbrechungs-, Rechtsschutz-, Produkthaftpflicht- sowie Kreditversicherung

6. Personengruppen

6.1 Arbeitslose
Arbeitslose (ALG I) sind über die Agentur für Arbeit in der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung versichert.
  • ALG I: Umfang der Nebentätigkeit muss unter 15 Stunden pro Woche liegen; keine Minderung des ALG I bis 165 € Gewinn pro Monat
  • ALG II: In Absprache mit dem zuständigen Fallmanager des Jobcenters; die ersten 100 € des monatlichen Gewinns bleiben frei, darüber hinaus erfolgt eine Anrechnung von 80 %
6.2 Eltern(zeit)
Während der Elternzeit ist es grundsätzlich möglich eine selbständige Tätigkeit von bis zu 30 Stunden auszuüben. Der Arbeitgeber sollte darüber informiert werden. Um Missverständnissen vorzubeugen, lassen Sie sich das Einverständnis schriftlich geben. Die Gründung sollte der gesetzlichen Krankenversicherung gemeldet werden. Diese prüft individuell, ob es sich um eine hauptberufliche oder aber nebenberufliche Tätigkeit handelt. Die Einkünfte werden auf das Elterngeld angerechnet.
6.3 Rentner
Grundsätzlich bestehen für Rentner keine Einschränkungen hinsichtlich einer selbständigen (Neben-)Tätigkeit. Hierbei dürfen Bezieher einer Altersrente ab Erreichen der Regelaltersgrenze ohne Beschränkung hinzuverdienen. Bei einer vorgezogenen Altersrente oder Rente wegen voller Erwerbsminderung beträgt die allgemeine Hinzuverdienstgrenze 6.300 € pro Jahr. Bei Überschreiten der Hinzuverdienstgrenze kann nur noch eine Teilrente gezahlt werden. Vor einer Tätigkeitsaufnahme empfiehlt sich eine Beratung durch die Deutsche Rentenversicherung.
6.4 Minderjährige
Genehmigung des Familiengerichts erforderlich, auch wenn Eltern einverstanden sind.
6.5 Auszubildende
Kein Nebentätigkeitsverbot, aber Lernpflicht darf durch Nebentätigkeit nicht beeinträchtigt werden.
6.6 Studenten
Die max. Arbeitszeit während des Semesters darf 20 Stunden pro Woche nicht überschreiten.
6.7 Beamte/Arbeitnehmer des Öffentlichen Dienstes
Unterliegen einem Nebentätigkeitsverbot, außer der Dienstherr stimmt ausdrücklich zu

7. Scheinselbständigkeit

Existenzgründer sollten darauf achten, dass sie sich von Arbeitnehmern deutlich unterscheiden. Indizien, die für eine Scheinselbständigkeit sprechen könnten, sind:
  • Keine eigenen Arbeitnehmer
  • Kein eigenes wirtschaftliches Risiko, im Wesentlichen nur ein Auftraggeber
  • Eingliederung in den Geschäftsbetrieb des Auftraggebers und Weisungsabhängigkeit, d. h. Ort und Zeit der Arbeit sind fremdbestimmt
  • Keine eigenen Betriebsmittel
  • Typischerweise wird Tätigkeit durch Arbeitnehmer verrichtet