Top-Thema | Oktober 2021

Wie Null und Eins die Welt verändert

Als Konrad Zuse vor 80 Jahren den ersten funktionsfähigen Computer entwickelte, der auf einem binären System, nämlich der Null und der Eins, beruhte, dachte wohl noch niemand daran, wie sehr diese Technologie die Welt verändern und prägen würde.
Von Matthias Marquart
Unsere „Rechner“ haben sich mittlerweile rasant entwickelt und ein weiterer Schritt in die Zukunft nennt sich „Künstliche Intelligenz“ (KI). Doch was steckt hinter diesem Begriff, der vielen Menschen immer noch unheimlich ist und Angst macht.
Schon bei der Definition von Intelligenz – ob bei Tieren oder Menschen – tun wir uns häufig schwer. Umso schwieriger wird es, wenn wir von Künstlicher Intelligenz sprechen. KI polarisiert. Verlieren wir die Kontrolle an Maschinen oder ist KI der Heilsbringer der Zukunft?
Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert KI so: Künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt sich mit Methoden, die es einem Computer ermöglichen, solche Aufgaben zu lösen, die, wenn sie vom Menschen gelöst werden, Intelligenz erfordern. Im Allgemeinen wird dabei zwischen schwacher KI und starker KI unterschieden: Schwache KI sind Systeme, die kognitive Fähigkeiten ersetzen können, die bislang als rein menschliche Fähigkeiten galten und so vorab definierte Aufgaben lösen. Beispiele dafür sind Systeme, die Bilder erkennen oder gesprochene Sprache in Text umwandeln können. Starke KI sind Systeme, die menschliche Fähigkeiten in unterschiedlichen Punkten erreichen oder sogar übersteigen. Das System findet eigene Probleme und untersucht diese systematisch, um zu einer Lösung dafür zu gelangen.
Wenn von Super-KI gesprochen wird, ist die Rede von KI, die, in der Theorie, dem Menschen in allen Belangen intellektuell überlegen ist. Doch diese wird in den kommenden Jahren wohl weiterhin der Science-Fiction vorbehalten sein.

Wo KI bereits heute zum Einsatz kommt

KI hat längst unsere Lebenswirklichkeit erreicht. Sie verbirgt sich in den verschiedensten Alltagsanwendungen: selbstparkende Autos, Gesichtserkennung, Sprachassistenten, Routenvorschläge, personalisierte Werbung, Empfehlungen in Online-Shops und Streamingdiensten, Übersetzungsdienste, Textvorschläge beim Verfassen von Nachrichten oder in Staubsaugerrobotern. In der industriellen Produktion und der Landwirtschaft verbessert sie Prozesse, in der Medizin hilft sie bei der Analyse von Krankheitsbildern, auch führen Roboter bestimmte Operationsabschnitte – etwa im Tausendstel-Millimeter-Bereich – wesentlich präziser durch als ein Chirurg. All das ist unvollständig und erst der Anfang, denn es gibt nicht die eine KI. Vielmehr handelt es sich bei KI um eine Vielzahl datengetriebener, selbstlernender technologischer Anwendungen in unzähligen Teilbereichen und unterschiedlicher Ausprägung. So wird KI die Menschheit weder vernichten noch retten. Sie kann Unternehmen allerdings dabei helfen, neue Geschäftsfelder zu erschließen, Kunden zielgerechter anzusprechen sowie Prozesse zu optimieren. 

Anwendungsfelder der Zukunftstechnologie 

Moritz Dierberger, Business Development Manager und verantwortlich für Neue Technologien im Bechtle IT-Systemhaus Rottenburg, berichtet: „Bei der Beratung mittelständischer Unternehmen zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist es uns wichtig, die Ansatzpunkte für konkrete Verbesserungen zu ermitteln. Denn die Identifikation des 'Datenschatzes' eines Unternehmens liegt gewöhnlich nicht in deren Kernkompetenzen. Ausgehend von der jeweiligen Zielsetzung – höhere Effizienz, Produktivität oder Qualität – können dann bereits mit überschaubaren KI-Lösungen schnell wirksame Verbesserungen realisiert werden.“ Ein Beispiel dafür ist die optische Erkennung von Fehlern zur Qualitätssicherung in der Produktion. Dafür braucht es zwar Technik wie Kameras oder andere Sensorik. Das Anlernen des individuellen KI-Datenmodells – das sogenannte Inferencing – kann jedoch einfach als Service bezogen werden und bindet somit keine größeren IT-Investitionen wie zum Beispiel für Hochleistungsrechner.
In weiteren Ausbaustufen können dann ganze Produktionsprozesse in den Blick genommen werden. So liefern Produktionsdaten aus Maschinen die Basis, um sie mit anderen Parametern in Beziehung zu setzen und etwaige Fehlerquellen zu identifizieren. „Hier sprechen wir von Optimierungen, auf die ein einzelner Ingenieur wahrscheinlich nicht kommen würde, weil ihm die Art der Betrachtung schlicht nicht möglich ist“, erläutert Moritz Dierberger. „Das bedeutet aber keineswegs, dass menschliche Kompetenz dadurch überflüssig wird. Im Gegenteil: Automatisierung mit KI kann Menschen bestärken, indem sie ihre kognitiven Fähigkeiten multipliziert und neue Potenziale nutzbar macht.“ Werden Prozesse durchgängig mit KI befähigt, kann das schließlich das Geschäftsmodell verändern: Ein Unternehmen fertigt qualitativ neuartige Produkte, bringt sie günstiger auf den Markt oder kann sie als Servicemodell anbieten.

Welche Gefahren birgt KI?

Jede Technologie – wie beispielsweise auch die Atomkraft – birgt positive als auch negative Nutzungsmöglichkeiten. Immer obliegt es den Menschen und Gesellschaften, daraus zu machen, was sinnvoll ist. Keine Technologie ist per se gut oder schlecht, sondern immer nur das, was wir daraus machen. Technologie und Fortschritt sind ebenso neutral wie die Naturgesetze, auf denen sie meist beruhen. Zwei Jahre lang hat eine Enquete-Kommission, zusammengesetzt aus Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen sowie externen Sachverständigen, die Chancen und Herausforderungen von KI für unsere Gesellschaft, die deutsche Wirtschaft und die zukünftige Arbeitswelt untersucht. Zur Diskussion standen eine Vielzahl technischer, rechtlicher und ethischer Fragen. Die Kommission kam zum Ergebnis, dass KI viele Vorteile bietet. So werde KI als „nächste Stufe einer durch technologischen Fortschritt getriebenen Digitalisierung“ vieles in Wirtschaft und Gesellschaft verändern, aber die Veränderungen seien gestaltbar. Bechtle Experte Moritz Dierberger: „Wenn wir von KI-Systemen sprechen, deren Entscheidungen erhebliche Auswirkungen auf einzelne Menschen haben, ist stets eine tiefergehende Beschäftigung mit den flankierenden – auch ethischen – Regularien erforderlich. Zum Einstieg und für die Realisierung zahlreicher Prozessverbesserungen reicht aber meist die Fokussierung auf IT- und Business-Aspekte. Auf dieser Ebene können mittelständische Unternehmen mit KI bereits heute einfach, schnell und smart Vorteile erzielen.“

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Redakteur | Pressearbeit